Wir sind eine Familie:
Das Sozialwerk der Rheinbahn
Der Krieg war zu Ende. Die Bilanz von zwölf Jahren Nazi-Herrschaft war grauenhaft. Obwohl Düsseldorfs Innenstadt unter den Bombenangriffen und der alliierten Beschießung stark gelitten hatte, waren weniger Häuser zerstört als in benachbarten Städten. Von den öffentlichen Gebäuden ließen sich immerhin 145 notdürftig reparieren und wieder benutzen, darunter auch das Rheinbahnhaus.
Als Akt der Normalisierung wurde die Anweisung der Militärregierung vom 8. Juni 1945 empfunden, die erste Straßenbahn in Richtung Benrath fahren zu lassen. Hinter dieser Absicht verbarg sich angestrengteste Arbeit. Immerhin waren auf weiten Strecken die Gleise beschädigt, die Oberleitung zerstört, viele ausgebrannte oder beschädigte Fahrzeuge standen im Stadtgebiet herum.
Die Planung bei knappsten Mitteln konnte nur von Tag zu Tag geschehen. Die Zerstörung der Betriebsmittel im Schienennetz und an Gebäuden war erheblich. Allein der Betriebshof an der Erkrather Straße war zu 45% zerbombt, der Betriebshof Derendorf sogar zu 80%. Aber auch alle übrigen Betriebshöfe und Wohngebäude erlitten unterschiedliche Schäden. 1947 wurde der Gesamtschaden auf 5,5 Millionen Mark geschätzt.
Das wichtigste Ziel war zunächst die teilweise Wiederherstellung der Betriebshöfe. Von dort aus konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden. Gebäudetrümmer und ausgebrannte oder zerfetzte Wagen lagen herum, blockierten Gleise und Zufahrtswege. Die Aufräumungsarbeiten konnten oft nur von Hand durchgeführt werden. Dies war schon schwer genug, aber die schlechte Ernährungslage machte die Arbeit nur noch mühseliger.
Um ihre Mitarbeiter bei der Arbeit zu halten, organisierte die Rheinbahn Nahrungsmittel, die dann in den Kantinen zu Eintöpfen verkocht wurden. Die Rechnung ging auf. Die relativ schnelle Reparatur eines großen Teiles des Streckennetzes zwischen 1945 und 1946 wäre sonst nicht zu schaffen gewesen. Die Belegschaft bestand 1945 aus 2.634 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von denen 460 in Gefangenschaft waren.
Ab 1947 unterrichtet die Rheinbahn ihre Mitarbeiter monatlich über die Fortschritte bei der Wiederherstellung der Betriebsanlagen. Gleichzeitig damit wird eine umfangreiche Sozialabteilung aufgebaut, die sich besonders der gesundheitlichen Versorgung der Mitarbeiter annehmen muss.
Eine Statistik des Jahres 1946 berichtet über 10,92 Prozent Arbeitsausfälle bei Männern durch Erschöpfung und Unterernährung. Für den gleichen Bereich wirft die Statistik für Frauen nur 8,08 Prozent aus und zieht daraus den Schluss, dass Frauen sich auch hier als widerstandsfähiger erwiesen hätten.
Die Wohnungsfürsorge ist eines der vordringlichsten Probleme. Viele Rheinbahner wohnen in Notunterkünften unter außerordentlich beengten Verhältnissen. Um für sie preiswerten Wohnraum zu schaffen, erbaute die Rheinbahn zunächst auf dem Grundstück des Betriebshofes Handweiser Wohnungen, begann aber schon 1948 mit dem Bau von Reihenhäusern im Stil der Bergmannssiedlungen im Ruhrgebiet, wie etwa in Kaiserswerth an der Kalkumer Schloßallee. Die Betriebsküche der Rheinbahn wurde mittlerweile ausgebaut und ist nun in der Lage, täglich 2.000 Portionen warmes Essen auszugeben.
In der fertig gestellten Lackiererei der Hauptwerkstatt Erkrather Straße fanden Boxkämpfe und Operettenveranstaltungen statt. Die Tradition ist an diesen Ort zurückgekehrt. Seit Aufgabe und Verkauf der Hauptwerkstatt im Jahre 1993 befindet sich Düsseldorfs Musical Theater "Capitol" an dieser historischen Stätte. Die zahlreichen, teilweise beschädigten Werkswohnungen werden zunächst im Rahmen der Kameradschaftshilfe unter Kollegen repariert.
Ab 1947 erschien wieder die Werkzeitschrift "Das Rad". Sie wurde nun gemeinsam von Vorstand und Betriebsrat herausgegeben. Die Stellung der Arbeitnehmervertreter im Unternehmen war stärker geworden und sie verlangten nach Mitspracherecht im offiziellen Organ des Unternehmens. Vermutlich hatte man aber auch Lehren aus den Erfahrungen der Nazi-Zeit gezogen, in der die Werkzeitschrift zu einem Propagandablatt der Betriebsleitung und der NSDAP verkümmert war.